Die Gesellschaft
Der Mensch strebt nach Selbstverwirklichung und Anerkennung. Deshalb wollen wir eine freie Gesellschaft. In der freien Gesellschaft können Menschen eigenverantwortlich und in frei gewählten Bindungen mit anderen ihr Leben und ihre Umwelt gestalten und sich so auf der Suche nach einem glücklichen und sinnerfüllten Leben selbst verwirklichen. Die freie Gesellschaft lebt von der Vielfalt, die beispielsweise Vereine, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Parteien, Parteien, Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften oder Religionen anbieten. Diese Vielfalt schafft Freiheit, weil sie Wahlmöglichkeiten eröffnet, und bleibt nur dann erhalten, wenn die Gesellschaft stets die Offenheit und Toleranz behält, neue Angebote anzunehmen.
Jeder Mensch soll in der Vielfalt der verschiedenen Angebote für ein glückliches und sinnerfülltes Leben frei wählen können. Weder gesellschaftlicher Druck, noch staatlicher Zwang sollen den einzelnen Menschen hier bevormunden. Eine Tyrannei der herrschenden Meinung darf es nicht geben. Wir vertrauen auf die Kraft und Vernunft des einzelnen Menschen, um die für den Entwurf des eigenen Lebens richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist Aufgabe des liberalen Staates, echte Wahlfreiheit auch gegen gesellschaftliche Zwänge zu garantieren. Beispielsweise müssen Frauen und Männer in allen Lebensbereichen die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu verwirklichen.
Vielfalt braucht eine offene Gesellschaft. Wo Menschen wegen ihrer Herkunft oder Gedanken, ihrer Wertvorstellungen oder Behinderungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, gibt es keine Freiheit. Engstirnigkeit und Stimmungsmache gegen Minderheiten haben in der freien Gesellschaft keinen Platz. Wer am Rande der Gesellschaft steht, dem müssen Brücken zurück in ihre Mitte gebaut werden.
In der freien Gesellschaft ist qualifizierte Zuwanderung willkommen. Sie ist ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft attraktiv für andere ist. Der Weg in die Mitte der Gesellschaft setzt voraus, dass jeder, der ihn geht, das geltende Recht ohne Ausnahme respektiert und die Fähigkeit besitzt, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Wer ihn gehen will, soll die Sprache der Gesellschaft sprechen können, in der er sich bewegt. Wer dazu Hilfe benötigt, für den soll es Angebote geben, um die deutsche Sprache zu erlernen.
Eine Gesellschaft in Vielfalt braucht das Leistungsprinzip. Denn nur das Leistungsprinzip verhindert, dass gesellschaftliche Positionen nach Herkunft, Gesinnung oder Geschlecht vergeben werden. Es ermöglicht jedem Menschen die Chance auf sozialen Aufstieg, den er sich selbst erarbeiten kann. Deswegen ist eine liberale Gesellschaft immer auch eine soziale Gesellschaft. Leistungsprinzip und soziale Verantwortung sind deshalb keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Das setzt jedoch voraus, dass Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus auch reale Chancen auf sozialen Aufstieg besitzen. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass alle Menschen die Möglichkeit zu sozialem Aufstieg durch eigene Leistung haben. Das wichtigste Instrument für diesen Zugang ist das Bildungssystem.
Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Anerkennung hängen nicht nur wirtschaftlich messbaren Leistungen. Gesellschaftliche Tätigkeiten sind für die Lebendigkeit der freien Gesellschaft wichtig und daher ebenso anerkennenswert. Politik hat deshalb die Aufgabe, auch diesen gesellschaftlichen Leistungen zur Anerkennung zu verhelfen.
In der Vielfalt der Gesellschaft steckt die Kraft, die Lösungen für die Herausforderungen einer sich ständig verändernden Welt zu finden. Der Gesellschaft gebührt daher der Vorrang vor dem Staat bei der Lösung von Problemen. Das Innovationspotential der Gesellschaft darf nicht durch ein Problemlösungsmonopol des Staates verdrängt werden. Wir setzen uns für eine selbstbewusste Bürgergesellschaft ein, in der die Menschen sich zuerst zusammen mit anderen Bürgern den Problemen stellen, bevor der Staat ihnen die Lösungen vorgibt.
Das Problemlösungspotential der Gesellschaft entfaltet sich nur mit freier Wissenschaft und Forschung. Nur in einem gesellschaftlichen Klima ohne Denkverbote und ohne Unterdrückung von Erkenntnis können die Grundlagen für Fortschritt gelegt werden. Technologischer Fortschritt ermöglicht neue Entwicklungsperspektiven zur Lösung ansonsten nicht lösbarer gesellschaftlicher Herausforderungen wie Energiesicherheit, globaler Nahrungsmittel- und Trinkwasserversorgung oder steigender Mobilitätsbedürfnisse. Humanistischer Liberalismus hat keine Angstreflexe gegen neue Erkenntnisse und ihre Umsetzung in neue Technologien. Jedoch stellt Humanistischer Liberalismus die Würde des Menschen stets über der Freiheit der Forschung. Daher ist klar, dass Forschung, die die Menschenwürde verletzt, unterbleiben muss.
Vielfalt schafft auch Konflikte, denn nicht wenige Angebote für ein sinnerfülltes und glückliches Leben konkurrieren miteinander. Konflikte sind aber nicht von Natur aus ein Problem, sondern können äußerst wertvoll sein, wenn sie in den Bahnen des produktiven Streits geführt werden. Dann können sie die Quelle für Fortschritt, Kreativität, neue Erkenntnisse und kulturelle Errungenschaften sein. Produktiver Streit ist zwingend auf die Werte der Gewaltlosigkeit und Toleranz angewiesen. Gewaltlosigkeit und Toleranz sind daher das unverzichtbare Fundament der freien Gesellschaft. Toleranz heißt nicht, alles richtig finden zu müssen, was andere denken und tun; Toleranz heißt vielmehr, die Freiheit des anderen zu respektieren, anders zu denken und zu handeln als man selbst. Das bedeutet auch, dass die vorherrschenden Ansichten über das sinnerfüllte und glückliche Leben keinen Vorrang vor anderen besitzen und daher niemanden berechtigen, sie anderen Menschen gegen ihren Willen aufzudrängen. Die Grenzen der Toleranz sind jedoch erreicht, wenn die eigene Freiheit oder die Freiheit anderer bedroht wird. Humanistischer Liberalismus kennt keine Toleranz gegenüber der Intoleranz.
Humanistischer Liberalismus bedeutet auch, nicht die Augen davor zu verschließen, dass sich viele Menschen auch in einer toleranten Gesellschaft durch Vielfalt verunsichert fühlen. Sie zweifeln an eigenen Entscheidungen, wenn sie merken, dass andere einen anderen Weg einschlagen. Sie fühlen sich in ihrer eigenen Identität bedroht. Im schlimmsten Fall ist dies die Wurzel für Ausgrenzung, Intoleranz und Gewalt. Wir setzen auf Dialog und Austausch, um den Menschen vor Augen zu führen, dass im Anderssein des anderen kein Angriff auf die eigene Identität liegt. Wir sind davon überzeugt, dass Mitmenschlichkeit und Rücksichtnahme stärker sind als Angst und Verunsicherung. Das erfordert von allen Beteiligten aber ein Bekenntnis zu Gewaltlosigkeit, Respekt und Toleranz dem anderen gegenüber. Wer die Grenze zur Gewalt überschreitet, dem entgegnen wir mit der vollen Härte des Rechtsstaates.

